Let’s Play Two (LP)
Pearl Jam

Monkeywrench Rec. / Republic Rec.
VÖ: 28.09.2017

Let’s Play Two (DVD)
Pearl Jam

Monkeywrench / Tour Gigs
VÖ: 17.11.2017

„We’ve got the setting – sunshine, fresh air, the team behind us. So let’s play two!“ sagte einst Ernie Banks bei seiner Rede als er in die National Baseball Hall of Fame im Jahre 1977 aufgenommen wurde. Ernie Banks war so was wie der Michael Jordan des Basketballs oder wie der Lionel Messi des Fußballs, jedoch um Längen integerer. Nur einen World Series Titel, also die Meisterschaft im Baseball, konnte er in seinen 19 Jahren bei den Chicago Cubs nicht einheimsen. „Let’s Play Two“ – diese Worte, die Ernie Banks‘ Drang, Enthusiasmus und Liebe zum Baseballsport ausdrücken wie kaum andere, machten sich passender Weise Pearl Jam zu Nutzen und veröffentlichen unter diesem Titel einen Mix aus Konzertfilm und Dokumentation ihrer beiden Shows aus dem Wrigley Field, dem Baseball Stadion der Chicago Cubs. Dabei verbinden Pearl Jam ihre Musik mit der historischen Meisterschaft der Cubs letztes Jahr. Vor allem aber auch die Liebe und Leidenschaft des Cubs Fans Eddie Vedder mit dem Baseballsport. 108 Jahre mussten die Pitchers und Basemen der Cubs auf die 3.Meisterschaft der Vereinsgeschichte warten – 71 Jahre lang wartete man gar auf eine Finalteilnahme.

Am 2. November 2016 schrieben die Baseballspieler aus Chicago dann Geschichte, als diese einen 1:3 Rückstand in der Best-of-7 Finalserie gegen die Cleveland Indians noch wettmachten und mit 4:3 letztendlich den Titel holten. Rund 10 Wochen zuvor spielten Pearl Jam ihre beiden Shows im altehrwürdigen Wrigley Field, eines der ältesten Baseballstadien der USA. True believers – die Männer mit Namen Eddie Vedder, Stone Gossard, Jeff Ament, Mike McCready, Matt Cameron und Live-Keyboarder Boom Gaspar, die so stark an die Cubs glaubten, dass diese dann im November den Titel holen würden und dass das Ganze dann perfekt zu einem Film zusammengefügt werden könne – es hätte nicht besser laufen können. Auch Dank Danny Clinch, seines Zeichens Musikfotograf und -filmer, der nicht nur für Bruce Springsteen, Bob Dylan oder Johnny Cash knipste, sondern auch für den Pearl Jam Konzertfilm Immagine In Cornice sowie für die Foo Fighters DVD Skin & Bones oder Ben Harpers Doku Pleasure And Pain verantwortlich war. 2016, Pearl Jam, Chicago Cubs, Wrigley Field – es war alles hergerichtet für einen perfekten Musik-/Sportfilm.

Dass mit dem Film, der am 17.November als DVD veröffentlicht wird, auch das passende Soundtrackpaket zu haben ist, ist bei einer Liveband wie Pearl Jam, nicht schwer nachzuvollziehen. Der Seattle-Fünfer ist längst in einer Liga der unsterblichen Livegrößen angekommen. Pearl Jam Shows sind pure Energie, gelebte Musik, große Hallengigs, die auf einmal wie Wohnzimmerkonzerte wirken, kein Haudrauf, sondern authentische Leidenschaft. Jede Show ist anders, jede Setlist verändert sich, oftmals auch inmitten einer Show. Belegt wird das durch eindrucksvolle Zahlen: Die beiden Shows am 20. und 22.August 2016 umfassten insgesamt 72 Songs, davon waren insgesamt nur 7 doppelt, 15 Coversongs wurden gespielt wobei einige als Songtag, also als Erweiterungen gelten (wie z.B. English Beats Save It For Later als Anhängsel bei Better Man oder Pink Floyds Interstellar Overdrive als Intro zu Corduroy). Andere Coversongs wie Neil Youngs Rockin‘ In The Free World oder Vanessa Williams Crazy Mary sind in Fanaugen schon längst mehr Pearl Jam-Songs als Coverversionen.

Stichwort: Let’s Play Two
„Ernie’s energy and enthusiasm was contagious. Besides his famous ‘Let’s Play Two’ line, he also coined the phrase the ‘Friendly Confines.’ Wrigley Field has been referred to the Friendly Confines ever since Ernie used those words to describe his delight at being back at Wrigley Field after a long road trip. Legend has it that it was an extremely hot day in July, about 105, and the Cubs were in last place. Ernie entered the clubhouse to a downtrodden cast of players. He looked around and said, “It’s a beautiful day – Let’s play two.” (via USA Today) There were a few news reporters in the clubhouse that day, they wrote about the saying and it’s stuck ever since.“ Jon Ferlise at cubsinsider.com.

Der Soundtrack zu Let’s Play Two bricht die beiden Konzerte jedoch auf „magere“ 17 Songs runter und ist letztendlich wirklich nur ein Soundtrack, als dass es ein großes Ganzes, als ein richtiges Pearl Jam Konzert anzusehen ist. Für Nerds und Pearl Jam Fans scheint es trotz der immensen Livequalität wie hingerotzt erscheinen (wir sprechen hier von sogenannten Luxusproblemen), jedoch verbirgt sich hinter den 17 Livesongs durchaus eine Idee, die zusammen mit dem Film mehr Sinn ergibt. Das alles mindert natürlich nicht die Qualität der zum Beispiel dargebotenen ’91er Ten-Klassiker wie Alive, Jeremy oder Black oder die zu Liveheroen avancierten Corduroy (aus Vitalogy, 1994) und Given To Fly (aus Yield, 1998). Es sind die Highlights aus zwei Nächten Wrigley Field und noch ein kleines bisschen mehr. So zum Beispiel das immer noch geliebte und ekstatisch mitgesungene Elderly Woman Behind The Counter In A Small Town oder das brachiale Go (beide aus Vs., 1993), welche ebenfalls die älteren Pearl Jam Tage beschreiben. Von den letzten 5 Studioalben schafften es nur Inside Job (aus Pearl Jam, 2006) und Lightning Bolt (aus Lightning Bolt, 2013) auf den Soundtrack. Dazu kommen mit Black, Red, Yellow (aus der Compilation Lost Dogs, 2003) noch eine Rarität und mit All The Way ein Solo-Vedder Song, der eigens 2008 für die Chicago Cubs geschrieben wurde, hinzu. Mit dem Schlussakkord des Beatles Cover I’ve Got A Feeling bauen Pearl Jam gekonnt die Brücke zu ihrem ersten Chicago Gig im Metro, vor 24 Jahren und nur einen Block entfernt vom Stadion. Damals hatte man nur das Debütalbum Ten in der Tasche und diese eine Coverversion. Passend gewählt also, mit dem letzten Song von vor 24 Jahren jetzt wieder die Zuschauer in Chicago in die Nacht zu entlassen.

So endet nicht nur der Soundtrack, sondern auch der Film Let’s Play Two. Und I’ve Got A Feeling ist nicht der einzige Song mit einer Geschichte dahinter. Zwischen den einzelnen Liveauftritten übermittelt der Film persönliche Geschichten von Cubs- und Pearl Jam-Fans gleichermaßen. So wird deutlich warum es Inside Job auf den Soundtrack geschafft hat, warum Crazy Mary mit tief eindringendem Orgelsolo eines Boom Gaspars auf Position 13 gesetzt wurde und anschließend Alive so grandios befreiend wirkt. Oder warum Lightning Bolt ausgewählt worden ist und nicht vielleicht das erfolgreichere Just Breathe oder noch ein anderer Klassiker wie Once oder State Of Love And Trust. Auch zu Black, Red, Yellow wird die Erklärung im Zusammenhang mit dem Film schlüssig. Im Film wird die Aufklärung nämlich gezeigt, wer denn da im Zwischenpart plötzlich mit dunkler stimme ins Mikro nuschelt und „Chicago“ ausruft. Das bewegende Release (aus Ten, 1991), oftmals ein klassischer Opener für Livegigs, findet sich im Soundtrack-Set weiter hinten wieder – auch das macht Sinn. So schafft es Danny Clinch zusammen mit Pearl Jam tatsächlich die stetige Verbindung zwischen Musik, Sport und Fans beider Lager konstant auf einem hohen Level zu halten, bei der sich sonst vielleicht nicht Baseball affine Menschen schwer oder schwerer getan hätten. So wird auch die Geschichte des Murphy’s Bleachers erzählt, einer Kneipe neben dem Cubs Stadion und auf deren Dach Pearl Jam vor ihrer ersten Show am 19.August ein Rooftop-Konzert im Akustikgewand spielten.

Nichtsdestotrotz bleibt es etwas Spezielles. Nicht jeder kann diese Hingabe zu Musik und Sport derart greifen, dass es ihn umhauen wird. Jedoch ist die Darstellung und der Blick dahinter äußerst harmonisch und passioniert dargestellt. Das Phänomen Jamily, die Komposition aus Pearl Jam und Family, wird abermals unterstrichen und nimmt das Geschehene der historischen Meisterschaft der Cubs mit ins Boot. Und das berechtigterweise. Fragt sich nur wie der Pearl Jam-Fan der eine White Sox oder sogar Indians Käppi trägt dazu steht? Man stelle sich das nur mal hier in Deutschland vor. Irgendwie undenkbar. Es sei denn St.Pauli wird Meister und Thees Uhlmann…? Oder Hansa Rostock und Materia…? Bei Pearl Jam funktioniert es jedenfalls.

Let’s Play Two ist im Kompletten ein super Fanpaket, der Film alleine ist sicherlich für Musikfreunde jener Seattle-Zeit und US-Sportfans interessant. Der Soundtrack darf meiner Meinung nach nicht wie eine Liveshow angesehen werden, macht sich jedoch bei jedem schick im Regal, der immer noch keine Liveaufnahmen dieser abliefernden Band zu Hause stehen hat. Wer Interesse an den beiden vollen Shows hat, der kann unter unten ausgewiesenen Links die beiden Einzelbootlegs von Chicago 1 und 2 via dem offiziellen Pearl Jam Store bestellen.

Ernie Banks, der Eddie Vedder zu All The Way ermutigte, erlebte beide Events leider nicht mehr. Er verstarb im Januar 2015.

 

Fotos: Danny Clinch / Screenshots „Let’s Play Two“ DVD

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Pre-Order Links zu den Einzelshows Chicago 1 und 2 aus dem Wrigley Field:

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